Hersteller-Zertifizierungen: Wenn Lernen durch Brain Dumps ersetzt wird
Hersteller-Zertifizierungen gelten in der IT seit Jahren als Qualitätsmerkmal. Sie sollen zeigen, dass jemand Technologien verstanden hat, Konzepte einordnen kann und weiß, was er tut.
In der Praxis sieht die Realität jedoch oft anders aus.
Ein offenes Geheimnis in der Branche: Ein nicht unerheblicher Teil der Zertifizierungen wird mit sogenannten Brain Dumps bestanden.
Dieser Artikel soll erklären,
- was Brain Dumps sind,
- warum sie so verbreitet sind,
- welche Folgen das hat – für Einzelpersonen, Unternehmen und die Branche,
- und warum Zertifikate allein immer weniger aussagen.
Was sind Brain Dumps?
Brain Dumps sind Sammlungen echter oder sehr nah an der Prüfung liegender Prüfungsfragen und Antworten, die aus vorherigen Prüfungen stammen.
Sie werden häufig:
- anonym in Foren geteilt
- auf dubiosen Plattformen verkauft
- in Telegram-Gruppen verbreitet
- als „Exam Preparation”, „Practice Questions” oder „Real Exam Questions” getarnt
Formal verstoßen Brain Dumps immer gegen die Prüfungsbedingungen der Hersteller.
Faktisch ermöglichen sie:
Das Bestehen einer Prüfung ohne echtes Verständnis der zugrunde liegenden Technologie.
Warum sind Brain Dumps so verbreitet?
Das Problem ist nicht nur individuelles Fehlverhalten, sondern systemisch.
1. Zertifikate als Karriere-Währung
In vielen Unternehmen gilt:
- Zertifikat = Kompetenz
- Ohne Zertifikat = wenig Wert
Das erzeugt Druck:
- Bewerbungen verlangen Zertifikate
- Dienstleister müssen Quoten erfüllen
- Mitarbeitende brauchen Titel für Gehaltssprünge
Der Fokus verschiebt sich von Verstehen zu Bestehen.
2. Prüfungen testen oft Fakten, nicht Denken
Viele Herstellerprüfungen:
- fragen nach konkreten CLI-Befehlen
- exakten Menüpfaden
- sehr spezifischen Syntaxdetails
Das begünstigt:
- Auswendiglernen
- Wiedererkennen von Fragen
- reines Reproduzieren
Brain Dumps passen perfekt in dieses System.
3. Zeit- und Kostendruck
Prüfungen sind:
- teuer
- zeitlich begrenzt
- oft an Fristen gekoppelt (Projekt, Partnerstatus)
Wer wenig Zeit hat, greift eher zu: „Ich muss da nur durch.”
Die Folgen: Mehr Zertifikate, weniger Kompetenz
Für Einzelpersonen
Kurzfristig:
- Prüfung bestanden
- Zertifikat im Profil
Langfristig:
- Unsicherheit im Projekt
- Angst vor Nachfragen
- fehlende Tiefe
- geringe Lernkurve
Viele merken irgendwann:
„Ich habe das Zertifikat – aber ich traue mir das Thema nicht wirklich zu.”
Für Unternehmen
- falsche Einschätzung von Fähigkeiten
- Projekte scheitern nicht an Technik, sondern an Grundlagen
- mehr Abhängigkeit von wenigen wirklich kompetenten Leuten
- Zertifikate verlieren intern an Glaubwürdigkeit
Für die Branche insgesamt
- Inflation von Zertifikaten
- sinkender Vertrauensfaktor
- steigende Skepsis gegenüber „Certified Engineers”
Am Ende gilt:
Zertifikate werden weniger wert, weil zu viele sie ohne Substanz tragen.
Das eigentliche Problem ist nicht das Zertifikat
Zertifizierungen sind nicht per se schlecht.
Das Problem ist, wie sie genutzt werden.
Ein Zertifikat kann:
- Einstiegshilfe sein
- Struktur geben
- Lernpfade aufzeigen
Es ersetzt aber nie:
- echtes Verständnis
- praktische Erfahrung
- Architekturdenken
- Fehler machen und daraus lernen
Lernen vs. Bestehen
Der entscheidende Unterschied ist einfach:
| Bestehen | Lernen |
|---|---|
| Ziel: Zertifikat | Ziel: Verständnis |
| Kurzfristig | Nachhaltig |
| Fragenerkennung | Problemlösung |
| Brain Dump | Praxis, Labs, Tests |
Wer lernt, besteht meist trotzdem.
Wer nur besteht, lernt oft nichts.
Ein besserer Weg: Praxis vor Titel
Gerade in Netzwerk & Security gilt:
Verstehen entsteht durch Tun.
Sinnvolle Alternativen zu reinem Zertifikatslernen:
- eigene Labs
- Simulationen
- Fehlkonfigurationen bewusst provozieren
- Logs lesen
- Verhalten analysieren
Ein selbst gebautes Lab bringt mehr als zehn Prüfungsfragen.
Fazit
Brain Dumps sind kein Randphänomen, sondern Symptom eines Systems, das Titel höher bewertet als Verständnis.
Zertifikate verlieren ihren Wert nicht, weil es sie gibt – sondern weil sie zu oft ohne Substanz erlangt werden.
Wer langfristig ernst genommen werden will, braucht:
- saubere Grundlagen
- praktische Erfahrung
- die Fähigkeit, Dinge zu erklären
Alles andere fällt spätestens im Projekt auf.